
Stimmen zum Weltethos
‹‹- Übersicht: Texte von Hans Küng
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(1) -›› Benedikt XVI. – Ein Papst der Hoffnung?
(2) -›› Wohin steuert Benedikt XVI.
(3) -›› Glänzende Fassade – bröckelnde Kirche
(4) -›› Konkrete Fragen
Benedikt XVI. – Ein Papst der Hoffnung?
Dazu einige konkrete Fragen, die sich auch der Papst stellen sollte:
Ein kollegialer Mit-Bischof? Wird der Papst sich wieder weniger als Alleinherrscher verstehen und präsentieren, sondern als leitender Bischof, eingebunden in das Bischofskollegium, im Dienst der ganzen Ökumene? Wird er die in der Kirche seit den ersten Jahrhunderten gegebene und vom Vatikanum II feierlich bestätigte Kollegialität des römischen Bischofs mit den anderen Bischöfen wieder stärken? Wenn der Papst von den Bischöfen blinden Gehorsam und Linientreue erwartet, können sich diese mit den Menschen ihrer Diözese nicht identifizieren. Nur wenn er als kollegialer Mit-Bischof dem Kollegium der Bischöfe vorsteht, wird er ihre Eigenverantwortung als »gute Hirten« und damit ihre Autorität in den Diözesen stärken.
Ein frauenfreundlicher Seelsorger? Ungezählte Frauen und Männer in der katholischen Kirche haben ganz praktische Erwartungen, und schon die baldige Realisierung des einen oder anderen Postulats würde ihrer Resignation und Frustration entgegenwirken. Haben sie doch die Hoffnung nicht aufgegeben, daß der Papst
• bei komplexen Problemen wie Empfängnisverhütung, Abtreibung und Homosexualität auf vereinfachende moralisierende Verdikte verzichtet;
• das Recht auf Ehe für Amtsträger, klar im Neuen Testament und in der Kirche des ersten Jahrtausends gewährleistet, respektiert und das erst aus dem 11. Jh. stammende diskriminierende Heiratsverbot für Priester überdenkt;
• wiederverheiratete Geschiedene nicht auf Dauer unbarmherzig von der Teilnahme an der Mahlgemeinschaft fernhält;
• das Recht der Ordensfrauen auf eigene Lebensgestaltung und Wahl der Kleidung anerkennt;
• die Ordination von Frauen, wie sie sich vom Neuen Testament her für die heutige veränderte Situation aufdrängt, gestattet;
• die unselige Enzyklika »Humanae Vitae« Pauls VI. über die Pille, die zahllose Katholikinnen ihrer Kirche entfremdet hat, korrigiert und die Selbstverantwortung der Partner für Geburtenkontrolle und Kinderzahl ausdrücklich anerkennt.
Solange ein Papst die Kirche faktisch in Mitglieder erster und zweiter Klasse einteilt, wird er die Zustimmung heutiger selbstbewußter Frauen nicht gewinnen. Nur wenn er als frauenfreundlicher Papst den Aufbau einer partnerschaftlichen Gemeinschaft von Frauen und Männern konkret in der Praxis vorantreibt, kann er die unterschiedlichen Fähigkeiten, Berufungen, Charismen in der Kirche ernstnehmen.
Ein ökumenischer Vermittler? Ob Papst Ratzinger, der schon so lange im römischen Milieu lebt, genügend realisiert, daß immer weniger Katholikinnen und Katholiken die konfessionelle Amtsanmaßung verstehen und akzeptieren, die
• Amtshandlungen von protestantischen oder anglikanischen Pfarrern oder Pfarrerinnen (vor allem beim Abendmahl) für ungültig ansieht,
• eine konfessionsverbindende Ehe als Vergehen und die aktive Teilnahme an einem evangelischen Abendmahl als religiöses Delikt betrachtet und
• ökumenische Gottesdienste am Sonntag strikt verbieten will? Sicher hat er davon gehört, daß eine konfessionelle Gemeinschaftsverweigerung von der Großzahl der katholischen wie evangelischen Gläubigen nicht mehr verstanden und hingenommen wird, weil sie ihnen gegen den Geist Jesu verstößt, der bekanntlich alle, auch die von der frommen Gesellschaft Ausgeschlossenen, an seinen Tisch geladen hatte.
Papst Benedikt hat besonders bei seinem Deutschlandbesuch Worte und Gesten guten Willens gegenüber den orthodoxen und evangelischen Kirchen gemacht. Aber würde er nicht viele enttäuschen, wenn keine wirklichen ökumenischen Taten folgten? Er weiß sehr wohl: die Beziehungen zum Weltrat der Kirchen tragen wegen des andauernden römischen Machtanspruchs wenig Frucht und die Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche sind wegen römisch-katholischer Missionierungsbestrebungen belastet. Nicht der jetzt anscheinend abgeschaffte Papsttitel »Patriarch des Westens« ist für die Orthodoxen anstößig, sondern der eines römischen »Stellvertreters Christi«, der eine förmliche Jurisdiktion über die gesamte Kirche (bis nach Sibirien und Ostanatolien) beanspruchen möchte. Auch wäre es höchst bedauerlich, wenn Benedikts Bemühen um Annäherung zur Orthodoxie zu Lasten der ökumenischen Beziehungen zu den Kirchen der Reformation ginge, deren Theologien wie Strukturen ihm vermutlich ferner liegen.
Ungezählte Christen in aller Welt hegen die Hoffnung, daß Benedikt XVI., ein hervorragender Theologe,
• die Ergebnisse der ökumenischen Dialogkommissionen sich zu eigen macht und energisch in die Tat umsetzt;
• die durch ökumenische Kommissionen schon längst empfohlene und vielerorts schon praktizierte Anerkennung protestantischer und anglikanischer Ämter endlich vollzieht;
• die »Verwerfungen« aus der Reformationszeit und die Exkommunikation Martin Luthers aufhebt;
• die in vielen Gruppen und Gemeinden schon längst ohne großes Aufsehen praktizierte eucharistische Gastfreundschaft und die vielfältige praktische Zusammenarbeit begrüßt und fördert.
Solange Rom über die Christenheit herrschen will, wird es ihre Einheit verhindern. Nur wenn Rom der Christenheit dienen will, wird der Papst als ökumenischer Vermittler und Inspirator wirken können.
Ein Garant für Freiheit und Offenheit in der Kirche? Auch Papst Benedikt sucht die Begegnung mit Vertretern anderer Religionen. Er dürfte die von seinem Vorgänger initiierten Friedensgebete in Assisi 1986 und 2002 als wichtige Zeichen betrachten. Paßt es aber noch dazu, daß in dem von ihm als Kardinal verantworteten Lehrschreiben »Dominus Jesus« behauptet werden konnte, Nichtchristen lebten »objektiv in einer schwer defizitären Situation«? Er weiß doch bestimmt, daß dies viele Menschen anderer Religionen abgestoßen und der Glaubwürdigkeit des Papstes geschadet hat. Es ist zu hoffen, daß er das kritisch-selbstkritische Gespräch mit den Weltreligionen nicht lähmt, sondern wirklich voranbringt.
Benedikt XVI. würde sich als Papst der Hoffnung erweisen, wenn er seine Verantwortung für eine bessere und friedlichere Welt wahrnähme als ein Kirchenführer
• der bei allem Anspruch auf Wahrheit kein Wahrheitsmonopol beansprucht;
• der die anderen Religionen nicht nur belehren, sondern auch von ihnen, von ihren ästhetischen, spirituellen, liturgischen, ethischen und theologisch-philosophischen Traditionen, ohne alle synkretistische Vermischung lernen will;
• der eine angemessene Autonomie der National-, Regional- und Lokalkirchen fördert, damit sie in eigener Verantwortung ihren Lebens- und Organisationsstil gestalten können;
• der auch unangenehme »Anfragen« (wie die nach Bevölkerungsexplosion, Empfängnisverhütung und päpstlicher Unfehlbarkeit) ernstnimmt und beantwortet.
Solange der Papst einen römisch-absolutistischen Herrschaftsprimat zu realisieren trachtet, hat er einen Großteil von Christenheit und Weltöffentlichkeit gegen sich. Nur wenn er (nach dem Vorbild Johannes' XXIII.) einen vom Evangelium her erneuerten und der Freiheit verpflichteten pastoralen Dienstprimat zu praktizieren versucht, wird er ein Garant für Freiheit und Offenheit in der Kirche sein und der Welt als moralischer Kompaß dienen können.
Anders als zur Zeit Johannes' XXIII. und des Zweiten Vatikanischen Konzils herrscht im kirchlichen Alltag im Blick auf Rom in vielen Ländern Pessimismus und Defätismus. Das erfüllt mich mit tiefer Sorge, habe ich doch ein Theologenleben lang dafür gearbeitet, daß Menschen trotz großer Enttäuschungen in dieser Kirche die Hoffnung bewahren. Es würde die »winterliche Kirche« (Karl Rahner) in einen neuen Frühling führen, wenn Benedikt XVI. die Kirche aus der Vertrauens- und Hoffnungskrise herausführen könnte. Wie kein zweiter kennt er Kurie und Episkopat; anders als sein Vorgänger ist er ein guter Verwalter sowie ein Gelehrter von Format. Er könnte, wenn er wollte, Reformen durchführen, so sagte mir einer seiner Konkurrenten im Konklave, die ein mehr progressiver Kardinal und Papst nicht so leicht durchführen könnte. So viele Menschen in und außerhalb der katholischen Kirche erwarten, daß der hier umrissene Reformstau aufgelöst wird und die schon längst anstehenden strukturellen Probleme offen besprochen und einer Lösung zugeführt werden – sei es durch den neuen Papst persönlich oder durch die Bischofssynode oder schließlich durch ein Drittes Vatikanisches Konzil.
© Hans Küng 2006
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