
Es war zum Verzweifeln: Das Konzept für eine große Komposition stand, aber wo finde ich den Komponisten? Die Komposition »Weltethos« sollte die Grundgedanken und Prinzipien eines gemeinsamen Menschheitsethos durch das Medium Musik vokal und instrumental ausdrücken. Sie sollte aus sechs Teilen bestehen, ein abendfüllendes oratorisches, aber nicht sakrales Werk in sechs Sätzen, entsprechend den sechs großen kulturellen und musikalischen Traditionen: Chinesische Religion, Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. Kern der sechs Sätze sollen sechs Schlüsseltexte aus diesen Religionen sein, welche die Grundprinzipien des Weltethos zum Ausdruck bringen.
Der weltumspannende, interkulturelle Gehalt der Weltethos-Idee soll dadurch unterstrichen werden, dass die Musik eines jeden Satzes Charakteristika des jeweiligen Kulturkreises trägt, für den dieser Satz steht. Zwischen den einzelnen Sätzen sollen von mir verfasste Rezitative in mehr erzählerischer Form zu jenen klassischen Texten hinführen. Dieses Werk, nicht von sechs Komponisten zu schreiben, die keine Einheit herstellen könnten, sondern von einem einzigen, der die Einheit des Ethos in der Verschiedenheit der Kulturen zum Ausdruck bringen soll: ein musikalisches Abenteuer sondergleichen!
Viele Gespräche habe ich geführt, vor allem mit den Verantwortlichen des Lucerne Festival und mit zwei bedeutenden deutschen Komponisten, die beide von der Aufgabe zunächst begeistert waren, aber nach einiger Zeit den Auftrag als von ihnen nicht realisierbar zurückgaben. Die Aufgabe sei in ihrer interkulturellen Komplexität nicht zu schaffen.
Da riet mir der Rektor der Musikhochschule Luzern, Prof. Alois Koch, ich sollte doch über einen renommierten Dirigenten einen geeigneten Komponisten suchen und nicht umgekehrt. Diesem Rat folgte ich und dachte sofort an die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle. Aber wie an die Berliner Philharmoniker herankommen? Auf Empfehlung meiner Tübinger Freunde Walter und Inge Jens – er war langjähriger Präsident der Berliner Akademie der Künste – fragte ich Martin Löer, den auch mir wohlbekannten Protokollchef des Bundespräsidenten, um Rat. Dieser stellte den Kontakt zum Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker, dem inzwischen leider so früh verstorbenen Jan Diesselhorst, her. Wir trafen uns anlässlich eines Konzerts in Bad Urach, und er vermittelte mir schließlich ein Gespräch mit der Intendantin der Berliner Philharmoniker, Pamela Rosenberg. Ihr fiel der Kontakt mit mir leicht; als Direktorin der Oper von San Francisco verfolgte sie 1979/80 meinen großen Konflikt mit dem Vatikan ganz genau, und ihre Sympathien waren auf meiner Seite. Pamela Rosenberg, die über einen guten Überblick auch über die angelsächsische Musikwelt verfügt, verdanke ich den entscheidenden Namen: Sie schlug mir als Komponisten für das komplexe Riesenwerk den Briten Prof. Jonathan Harvey vor. Ich kann ihr nicht genug dafür dankbar sein.
Jonathan und ich trafen uns im Januar 2007 in Zürich und bewegten uns gleich auf derselben Wellenlänge. Er verstand sofort, was ich wollte, und freute sich, als ich sagte, das Werk dürfe durchaus Mahlersche Dimensionen annehmen: nicht gerade tausend Mitwirkende, aber doch mit großem Orchester, Chor und einem Kinderchor, der den Refrain zu den sechs Sätzen mit jeweils leicht verändertem Inhalt und anderer kultureller Färbung singen soll. Ich sagte Jonathan auch deutlich, dass er zwar an die Texte gebunden sei, aber bezüglich der musikalischen Gestaltung und Instrumentierung vollständige künstlerische Freiheit genieße. Mir sei nur daran gelegen, dass er, ganz und gar moderner Musiker, eine Komposition schaffen würde, welche die Ordnung, das Objektive, Mathematische, Konstruierte auf der Linie Schönbergs zu verbinden wüsste mit ursprünglichem Erleben von Klang und Melodie. Wenn irgend möglich also Gebundenheit, Formenstrenge und Konstruktivität auf der einen Seite und freier Affekt, Subjektivität, Gefühl, Stimmung, Emotionalität auf der ande-ren Seite … Meine Überzeugung, mit Jonathan Harvey den bestgeeigneten Komponisten für diese anspruchsvolle Aufgabe gewonnen zu haben, festigte sich noch, als er im selben Jahr 2007 vom Südwestrundfunk und vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie mit dem Giga-Hertz-Preis für elektronische Musik ausgezeichnet wurde. Mehr als alles andere aber beeindruckte mich seine große Kenntnis und Sensibilität für die Musik der Hochkulturen.
Und so bin ich von ganzem Herzen dem Komponisten dankbar, dem es trotz großer Schwierigkeiten gelang, sein Opus summum zu vollenden. Als der erste Teil der Partitur bei mir eintraf, war das für mich ein Freudenfest. Jetzt bin ich natürlich unendlich gespannt darauf, wie diese Partitur tönen wird, wenn sie von den Berliner Philharmonikern in sicher perfekter Form zur Aufführung gebracht wird, gleichzeitig über die Digital Concert Hall auf der ganzen Welt zu hören. Sir Simon Rattle wird sich sicher darüber freuen, dass die englischsprachige Uraufführung an seiner früheren Wirkungsstätte Birmingham stattfinden wird: am 21. Juni 2012 zur Eröffnung der »Cultural Olympiad«, welche die Olympischen Spiele in London begleiten wird. Deshalb Dank nun nach der Intendantin und dem Komponisten auch dem Dirigenten Sir Simon, der uns als musikalisch wie sozial und interkulturell hochsensibler Maestro sicher durch dieses musikalische Abenteuer der verschiedenen Kulturen führen wird.

