
Sehr geehrte Damen und Herren,
an der Universität habe ich mich unter anderem sehr ausführlich mit dem Thema der medizinischen Ethik beschäftigt. Meine Professoren haben mir ausgeklügelte Theorien, darüber was ethisch und was unethisch ist, vorgestellt. Wir haben über den Unterschied zwischen Moral und Ethik gesprochen, über die Gefahren einer paternalistischen Ethik und über die Notwendigkeit die Autonomie des einzelnen Menschen zu respektieren.
Ich werde jetzt natürlich nicht in all diese Theorien einsteigen, denn ich spreche hier vor einem Publikum, das sich, glaube ich, in diesem Bereich wesentlich besser auskennt als ich. Was ich für wesentlich wichtiger halte – vor allem im täglichen Leben – ist, dass man eine Art »ethischen Reflex« entwickelt, d.h. dass man sich ethisch verhält und nicht über komplizierte Theorien nachdenkt. Ich denke, das ist auch das, was die meisten Menschen instinktiv tun. Auch wenn sie nie Immanuel Kant gelesen haben, den Vater der modernen Ethik, auch wenn sie sich nie mit dem Kategorischen Imperativ auseinandergesetzt haben. Ich denke, es ist wichtig daran zu erinnern, was Kant geschrieben hat: nämlich, dass die Menschheit immer als Ziel und niemals nur als Zweck gesehen werden sollte. Ich halte es auch im Sport für wichtig, dass der Sportler wirklich als Ziel gesehen wird, für das wir handeln, als Ziel und nicht als Mittel.
Sport – eine Erfolgsgeschichte
Die grundlegende Frage ist also: Denken und handeln wir in der Welt des Sports tatsächlich so? Schauen wir uns einmal den Zustand des heutigen Sports an. Dann sehen wir, dass der Sport heute eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist. Der Sport genießt sehr viel Aufmerksamkeit und viele Menschen nehmen teil an sportlichen Veranstaltungen. Es gibt 400 Millionen Wettkampfsportler auf der Welt. 450 Millionen Menschen betreiben Freizeitsport. Weltweit gibt es also 850 Millionen Sportler, die in 5 Millionen Sportvereinen organisiert sind. In Deutschland allein sind 27 Millionen Menschen Mitglied eines Sportvereins. In der EU gibt es 750 000 Sportvereine.
Neben dieser starken Partizipation können wir uns über sehr viele Fernsehzuschauer freuen. Bei den Olympischen Spielen beispielsweise beträgt die Zahl der Fernsehzuschauer täglich 3,8 Milliarden Menschen. Wenn man das hochrechnet auf die 16 Tage, die die Olympischen Spiele dauern, dann haben wir über 40 Milliarden Zuschauer, 20 Milliarden sind es bei den Olympischen Winterspielen. Bei den Olympischen Spielen werden 8 Millionen Eintrittskarten verkauft. Für die kommende FIFA-Weltmeisterschaft in Deutschland haben wir eine Voraussage von 40 Milliarden Fernsehzuschauern und 6 Millionen verkauften Eintrittskarten, obwohl manche sich beschweren, dass es schwierig sei, eine Karte zu bekommen.
Diese hohen Teilnehmer- und Zuschauerzahlen erzeugen selbstverständlich sehr hohe Einnahmen. Die Wirtschaft hilft uns natürlich auch sehr: die Industrie, die Unternehmen helfen uns mit Sponsoring und die Medien mit dem Kauf von Übertragungsrechten. Ein Beispiel: 1,5 Milliarden US $ werden jedes Mal nach den Olympischen Spielen als Einnahmen verzeichnet. Aber ich versichere Ihnen, dieses Geld behält natürlich nicht das Internationale Olympische Komitee, sondern es wird zu 92 % weiterverteilt zur Unterstützung des Breitensports. Die hohen Teilnehmer- und Zuschauerzahlen und die dadurch hohen Einnahmen weisen dem Sport den Status einer gesellschaftlichen Bewegung zu. Die Regierungen haben das gemerkt und sie unterstützen den Sport: durch entsprechende Subventionen, durch den Aufbau der jeweiligen Infrastruktur, durch die Gesetzgebung, aber auch im Bereich der Bildung und Erziehung, z. B. durch die Ausbildung der entsprechenden Trainer und all derjenigen, die sich um die Sportler kümmern. Man könnte sagen, und dem kann ich mich anschließen, dass meine Definition einer Erfolgsgeschichte eher materialistisch geprägt ist: Ich habe über Menschen gesprochen, über Geld, über staatliche Unterstützung, und alles das ist wichtig, aber reicht es tatsächlich aus, um die Welt des Sports zu beschreiben? Ich sage: Nein, das reicht nicht aus.
Ja, Sport hat materielle Erfolge gezeitigt. Aber wenn man Erfolg ganzheitlicher definieren will, braucht man noch eine zusätzliche Dimension. Wir brauchen diese zusätzliche Dimension der unfassbaren, immateriellen, humanistischen und ethischen Werte, um die soziale Bedeutung des Sports zu erkennen. Sport ist ein organisatorischer Erfolg, aber um ein Erfolg für die ganze Gesellschaft zu sein, müssen andere Werte miteinbezogen werden, die nicht materiell sind. Ohne diese Werte kann der Sport nicht die enorm wichtige erzieherische Funktion wahrnehmen, die wir uns von ihm wünschen.
All diese Werte, für die wir stehen, sind in der Olympischen Charta festgelegt. Die Olympische Charta ist im Grunde unser Manifest. Sie ist das grundlegende Referenzdokument für die Olympische Bewegung. Und sie legt nicht nur einen allgemeinen Verhaltenskodex fest, sondern auch die ganz entscheidenden ethischen Verhaltensgrundlagen. Die Charta liefert uns so auch den Referenzrahmen für unser Verhalten in der Gesellschaft. Der Sport, die Olympischen Spiele, die Olympische Bewegung sind ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Und deswegen glauben wir, dass es ganz wichtig ist, dass wir uns auf unsere fundamentalen Prinzipien verlassen können. Als da wären: Toleranz, gegenseitiger Respekt, Universalität, Solidarität zwischen Reich und Arm und Unparteilichkeit. Das bedeutet, dass jede Form der Diskriminierung aufgrund von Rasse, Religion, politischer Meinung, Geschlecht oder aus anderen Gründen einfach nicht in die Olympische Bewegung gehören. Sie sind ihrem Grundgedanken diametral entgegengesetzt.
Bedrohungen für den Sport
Die humanistischen und ethischen Werte des Sports sind leider immer wieder bedroht durch vielerlei Veränderungen. Es gibt vor allem folgende Gefahren: Doping, Gewalt, Rassismus, Korruption, Gefahren für die Gesundheit der Sportler und die Kommerzialisierung. Sollten wir wirklich überrascht sein, dass es diese Gefahren in einer so hehren menschlichen Tätigkeit wie dem Sport gibt? Ich denke, das sollte uns nicht überraschen. Sport ist nicht besser als die Gesellschaft. Sport gibt nicht vor besser zu sein als die Gesellschaft. Sport ist eigentlich der Ausdruck der Gesellschaft als Ganzer: mit all ihren Schwächen, mit all ihren Fehlern, aber auch mit all ihren wunderbaren Leistungen und Werten.
Lassen Sie uns diese Bedrohungen einmal zusammen untersuchen: der Kampf gegen das Doping hat oberste Priorität im Sport, weil Doping die Gesundheit der Sportler angreift und weil Doping die Glaubwürdigkeit des gesamten Wettkampfes, der eben auf einer gewissen Rangfolge basiert, in Frage stellt. Ein dritter Faktor ist zudem wichtig: Doping gefährdet die Rekrutierung zum Sport. Wir laufen Gefahr, keinen weiteren Zulauf zum Sport zu bekommen, weil die Mütter denken: Sport ist gefährlich wegen des Dopings. Sie bringen ihre Kinder nicht mehr in die Sportvereine, und das ist dann das Ende, weil wir überhaupt keinen Nachwuchs mehr bekommen.
Das IOC war in den 60er Jahren ein Pionier im Kampf gegen das Doping. Schon seit dieser Zeit vertreten wir eine Null-Toleranz-Politik. Und ich bin froh sagen zu können, dass wir durch die Intensivierung unserer Bemühungen und durch die Gründung der World-Anti-Doping-Agency große Fortschritte gemacht haben. Viele sagen: der Kampf gegen Doping wird ewig währen. Wie ich schon sagte: es gibt 850 Millionen Sportler hier auf dieser Erde, aber es gibt natürlich nicht 850 Millionen Heilige.
Deswegen: Ich glaube nicht an Utopien, ich bin Realist, ich glaube also nicht, dass das Doping ganz aus dem Sport verbannt werden kann. Aber es ist unsere heilige Pflicht, Doping so weit wie möglich einzugrenzen. Schauen Sie sich Doping doch einmal an: es lässt sich vergleichen mit der Kriminalität in einer Gesellschaft. Es gibt keine Gesellschaft ohne Richter, ohne Gesetze, ohne Strafverfolgung und ohne Gerichtsbarkeit. Das brauchen wir auch im Sport und wir müssen es dann auch umsetzen.
Die zweite große Gefahr ist die Gewalt, der Vandalismus, die Hooligans. Wir haben das bei den Olympischen Spielen noch nicht erleben müssen und wir sind froh darüber, aber wir müssen natürlich stets wachsam sein. Wir sollten nie das Drama vergessen, das sich vor über zwanzig Jahren in meinem eigenen Land, in Belgien, in Brüssel abgespielt hat, als 39 italienische Fans von Juventus in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Fans von Liverpool umkamen. Das Phänomen der Hooligans ist ein sehr schwieriges Phänomen. Es ist im Grunde Ausdruck eines Teils der Gesellschaft, der unzufrieden ist: meist sind es arbeitslose junge Menschen, die oft auch in sehr extreme politische Kreise geraten sind. Sie sehen keine Zukunft, keine Hoffnung für sich in der Gesellschaft. Sie wollen durch ihre Gewalttätigkeit hauptsächlich ihrer Frustration, ihrer Wut Luft machen. Sie tun das im Stadion. Warum? Weil das Fernsehen anwesend ist und die Öffentlichkeit zuschaut. Sie würden das nie in einem leeren Stadion tun. Das ist die Tragik von Gewalt im Sport. Sport erzeugt die Gewalt nicht. Sport liefert nur den Rahmen, die Bühne für die Demonstration von Gewalt. Es gibt eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit der Führungspersönlichkeiten im Sport und im Staat, um diese Gewalt durch Prävention und Repression zu bekämpfen. Aber letztlich wird die endgültige Lösung sein, das Problem an der Wurzel zu packen. Das Problem ist eben ein gesellschaftliches. Wenn diese Menschen in Brot und Arbeit gesetzt werden, wieder Zukunftsperspektiven bekommen, dann wird das Problem der Hooligans und der Ausschreitungen an Sportstätten ein Ende haben.
Leider gibt es aber noch eine dritte Gefahr: den Rassismus. Auch das ist wieder kein spezielles Problem des Sports an sich, sondern ein Problem des Publikums in der Arena und der Gesellschaft außerhalb der Arena. In den europäischen Fußballteams haben wir immer mehr gute afrikanische Spieler und wir erleben immer mehr Rassismus in den Stadien. Zum Glück sind rassistische Ausschreitungen bei den Olympischen Spielen noch nicht vorgekommen, aber wir müssen auch hier wachsam sein. Ich möchte der FIFA gratulieren, weil sie eine ganz starke Position gegen Rassismus eingenommen hat und weil die Strafen für rassistische Gewalt drakonisch sind. Und auch viele Regierungen – zum Beispiel in Holland, Italien, Frankreich, Großbritannien, um nur einige zu nennen – haben hohe Strafen und Geldstrafen für rassistische Umtriebe verhängt. Das schätzen wir sehr, denn ich bin der Meinung, dass wir »null Toleranz« gegenüber Rassismus zeigen müssen. Aber auch hier, genau wie im Fall der Gewalt und der Hooligans, ist die Lösung des Problems Sache der Gesellschaft. Das gesellschaftliche Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Denn auch hier gilt: der Rassismus im Stadion ist Ausdruck der schwierigen Situation, die in der Gesellschaft gegenüber den Minderheiten herrscht.
Korruption, ein weiteres Problem. Und ich muss zugeben, und Sie wissen das ja auch, dass das IOC selbst vor zehn Jahren große Probleme mit Korruption hatte. Aber wir haben, wie ich finde, entschlossen reagiert, indem wir die Ethik-Kommission gebildet haben. Die Kommission setzt sich aus angesehenen Persönlichkeiten zusammen, wie zum Beispiel dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen und weiteren Persönlichkeiten dieses Kalibers. Wir mussten insgesamt elf Mitglieder ausschließen. Das war zwar nicht angenehm, aber es ist unsere Pflicht – wir sind es den Athleten schuldig – , darauf zu achten, dass alles, was wir tun, auch ethisch und moralisch in Ordnung ist.
Dann sind da noch die Wettskandale. Sie wissen ja, was hier passiert ist in Bezug auf die Korruption von den Schiedsrichtern. Dies gibt es nicht nur in Deutschland, auch in Belgien haben wir ein ähnliches Problem: es findet Korruption im Zusammenhang mit Wetten statt. Und da das Wetten immer populärer wird, vor allen Dingen online, wird auch das Problem immer grösser. Auch hier wird reagiert: die Wettbüros werden überwacht. Wir haben auch hier eine Null-Toleranz-Haltung eingenommen. Die beste Art Korruption zu bekämpfen ist sicherlich, eine sehr gute, absolut transparente Führung in den Sportgremien zu besitzen, mit strengen Regeln, die auf den Prinzipien der Ethik und der Moral beruhen.
Wir müssen die Gesundheit der Sportler schützen. Diese wird natürlich beeinträchtigt durch Doping, darüber haben wir ja schon gesprochen. Gesundheitsgefährdend ist aber auch das Übertrainieren, ein zu starkes Trainieren. Manchmal geschieht das aufgrund von überehrgeizigen Trainern. Manchmal – und das muss man zugeben - sind es aber auch die Sportler selbst, die so ehrgeizig sind, dass sie ihre persönlichen Grenzen überschreiten und zuviel trainieren. Hier liegt es dann in der Verantwortung der Trainer zu sagen: Stopp, das reicht!
Außerdem ist noch das Problem des übertriebenen Wetteiferns zu nennen. Manchmal ist der Druck auf die Sportler zu groß. Der Druck, der von ihren jeweiligen nationalen oder internationalen Verbänden, manchmal auch vom jeweiligen Nationalen Olympischen Komitee ausgeübt wird. Hier müssen wir reagieren. Die Unversehrtheit der Athleten muss geschützt werden. Das IOC arbeitet ganz eng zusammen mit den jeweiligen internationalen und nationalen Verbänden und den Nationalen Olympischen Komitees, um auch hier – in Zusammenarbeit mit Medizinern und Sportwissenschaftlern – klare Regeln und Grundlagen für ein vernünftiges Training zu definieren, so dass übertriebenes Training, das gesundheitsschädlich ist, vermieden wird.
Nun kommen wir zum Thema der Kommerzialisierung des Sports. Ist die Kombination von Sport und Geld gut oder schlecht? Nun, Geld ist eigentlich neutral. Es ist weder gut noch schlecht. Es ist die Art und Weise wie man das Geld einsetzt, die ausschlaggebend ist. Und lassen Sie mich ganz klar sagen: Ich bin dafür, dass wir einen wirklich gut gesteuerten und überwachten Geldfluss haben, der auf ethische Weise eingesetzt wird. Denn wir brauchen Geld im Sport. Um Kant noch einmal zu zitieren: Ich möchte damit sagen, dass man Geld immer als Mittel und nicht als Zweck sehen muss.
Vor einigen Jahren sagten manche: Als es den reinen Amateurstatus gab, da war alles viel besser, da war das Geld nicht so wichtig. Das ist absolut heuchlerisch! Denn diese Regel des Amateurstatus – die erst beim Olympischen Kongress in Baden-Baden 1980 aufgegeben wurde – bewirkte, dass es sich nur die Reichen leisten konnten Sport zu treiben. Damals gab es keine Sponsoren, es gab keine Fernsehrechte und so waren die Spiele nur etwas für eine elitäre Schicht. Nur die reichen Industrieländer konnten an den Olympischen Spielen teilnehmen. Die Entwicklungsländer konnten es sich nicht leisten, auch nur einen einzigen Sportler zu den Olympischen Spielen zu schicken.
Bei den Spielen 1960 in Rom und 1964 in Tokio konnten nur 60 Prozent der damals existierenden Länder teilnehmen. Heute ist das glücklicherweise nicht mehr so.
Heute kann ich sagen, dass Universalität herrscht, da wirklich alle Länder der Welt teilnehmen können. Mittlerweile sind wir bei 203 Teilnehmerländern. Wir können das alles bezahlen, das heißt: das Training, die Ausrüstung, die ganze Infrastruktur für die Athleten, die Reisen usw. Und so soll es auch sein. Ich glaube, dass gut gesteuertes und überwachtes Geld zu einer Demokratisierung im Sport geführt hat. Wie ich Ihnen schon sagte: 1,5 Milliarden US $ nehmen wir jedes Mal bei den Olympischen Spielen ein. Und ich sagte auch, dass 92 % davon wieder ausgeschüttet werden. Das Geld geht an den Breitensport: Infrastruktur wird aufgebaut, wir machen uns auf die Suche nach Talenten, wir schulen ihre Trainer, wir finanzieren Teilnahmen an Wettbewerben. Geld ist also sehr wichtig für die ethische Komponente des Sports, denn sonst wäre ein großer Teil der Dritten Welt nicht Teil der Sport-Welt.
Aber ich muss zugeben: Geld birgt auch Gefahren in sich. Aber so lange unsere Sponsoren, unsere Medien, das Fernsehen – ich sage Ihnen, das ist wirklich so im IOC – so lange unsere Sponsoren und Fernsehsender nicht selber die Regeln diktieren, zum Beispiel die Art und Weise wie die Olympischen Spiele durchgeführt werden, dann kann eigentlich gar nichts passieren. Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels verdeutlichen: Vor ein paar Jahren haben wir mit der EBU, der European Broadcasting Union in Genf, über die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele verhandelt. Es gab zwei Angebote: ein Angebot über 600 Millionen US $ von der EBU – Sie wissen ja, das ist der Dachverband aller öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Europa. Dann hatten wir noch ein anderes Angebot über 900 Millionen US $ auf dem Tisch liegen. Immerhin 300 Millionen mehr – das ist eine ganze Menge Geld. Allerdings wäre das nur fürs Bezahlfernsehen, für Pay-TV, gewesen, und die Allgemeinheit hätte keine Möglichkeit gehabt, die Olympischen Spiele zu verfolgen, ohne zu bezahlen. Da haben wir gesagt: Nein, lieber 300 Millionen Dollar weniger, denn die Spiele sollen in den öffentlich-rechtlichen Sendern bleiben, so dass wir freien und kostenlosen Zugang für alle garantieren können.
Ich möchte noch folgendes sagen, weil wir kritisiert werden, dass alles so kommerziell wird: Vergessen Sie nicht, dass bei den Olympischen Spielen – als einzigem großen Sportereignis – ein werbefreier Rahmen herrscht: Sie sehen also keine Werbetafeln im Stadion oder davor, Sie sehen keine Logos auf den Trikots und auf der Ausrüstung der Sportler. Ich möchte hier jetzt keine Selbstbeweihräucherung betreiben, aber auch die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees sind rein ehrenamtlich tätig, sie bekommen kein Gehalt. Wir glauben, dass wir den Geldfluss kontrollieren können, ohne selbst vom Geld »gesteuert« zu werden.
Ungerechtigkeiten im Sport
Über die angesprochenen Bedrohungen des Sports hinaus gibt es zudem noch einige Ungerechtigkeiten im Sport. Die größte Ungerechtigkeit ist das Gefälle zwischen Nord und Süd, die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Es gibt hier einen starken Zusammenhang zwischen dem Bruttosozialprodukt eines Landes und der Anzahl der Medaillen: Je höher das Bruttosozialprodukt, desto mehr olympische Medaillen. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Und hier kommt nun, denke ich, auch wieder das Prinzip der Solidarität zum Tragen. Das heißt, dass das IOC auch hier Mittel vergibt, dieses Mal speziell an die nationalen Komitees, die wirklich finanzielle Unterstützung brauchen. Dadurch ist diese Nord-Süd-Kluft im Sport etwas schmäler geworden. Darauf sind wir sehr stolz.
Bei der zweiten Ungerechtigkeit handelt es sich um die Rolle der Frauen im Sport. Das IOC hat große Bemühungen unternommen, damit es mehr Teilnehmerinnen bei den Olympischen Spielen gibt. Bei den Spielen 1980 in Moskau waren nur 18 % der Teilnehmer Frauen und jetzt liegen wir bei 44 % weiblicher Beteiligung. Ich glaube im nächsten Jahrzehnt werden wir eine 50 : 50 Verteilung haben. Und dann müssen wir uns natürlich Gedanken machen über die Rolle der armen Männer, das ist klar.
Wir müssen hier aber ganz ehrlich sein. Das ist nur eine Seite der Medaille. Denn wenn es um die tägliche Praxis im Sport geht, haben wir diesen großen Anstieg von 18 auf 44 % nicht. In der täglichen Praxis gibt es große Hürden, die es zu überwinden gilt. In manchen Ländern sind sie religiös bedingt, in manchen wirtschaftlich oder auch kulturell. In vielen Entwicklungsländern müssen die Mütter zu Hause bleiben und die Familie ernähren. Sie haben gar keine Möglichkeit in einen Sportverein zu gehen, wenn es denn überhaupt einen gibt. Wir setzen uns dafür ein, dass hier Mittel und Wege gefunden werden, diese Hürden zu überwinden. Und schließlich setzen wir uns dafür ein, dass mehr Frauen in führenden Positionen in den Sportgremien vertreten sind. Das ist auch wieder ein Spiegel der Gesellschaft. Ich glaube, die Unterrepräsentation der Frauen zeigt sich ja auch in der Politik und an den Universitäten.
Drittens setzen wir uns im Kampf gegen die Ungerechtigkeit für die Universalität der Spiele ein. Wir wollen nicht, dass die Olympischen Spiele zum Spielplatz lediglich der absoluten Spitzensportler der Welt werden. Wenn ausschließlich Qualität über die Teilnahme entscheiden würde, wären beispielsweise bei den Hundertmeterläufen nur zehn Amerikaner, zehn Jamaikaner oder ein paar Sportler aus der Karibik vertreten. Es könnten gar keine anderen Länder teilnehmen! Deswegen: in allen Sportarten sollte es eine Mischung geben zwischen der Qualität, die wir brauchen und wollen, und der Teilnehmer-Vielfalt. Damit auch die Athleten, die nicht ganz so gut sind wie die Spitzensportler, mitmachen können. Das IOC macht das so, der internationale Leichtathletikverband auch, und ich finde das sehr wichtig. Wir wählen zu 85 % nach Qualität und Leistung aus, die restlichen 15 % sollen eine Teilnahme der Schwächeren ermöglichen und so die Universalität der Spiele sichern.
Soziale Verantwortung
Nun schauen wir uns noch einen anderen Aspekt an: die soziale Verantwortung, die man auch im Sport braucht. Denn Sport ist ja viel mehr als nur ein Wettbewerb. Sport ist wahrlich auch eine gesellschaftliche Bewegung und eine Bewegung, die wichtig ist für die Erziehung. Deswegen kümmern wir uns besonders um den Behindertensport. Wir haben ja die Paralympics, die Special Olympics für die geistig Behinderten und dann noch die speziellen Olympischen Spiele für die Hörbehinderten. Diesen Ereignissen haben wir ja nicht nur das Wort »olympisch« zugestanden, wir unterstützen sie auch finanziell und wir verpflichten die jeweiligen Organisatoren der Spiele dazu, die Paralympics circa drei Wochen nach den Olympischen Hauptspielen auszurichten.
Der zweite Bereich, in dem wir uns im Zuge von sozialer Verantwortung engagieren, ist die humanitäre Hilfe. In der Tat: die meisten Sportler sind jung, sie sind bekannt, sie sind oft auch reich, sie sind gesund, aber wir alle haben eine soziale Verantwortung. Und wir haben eben auch eine Verantwortung denen zu helfen, die in Not sind, die nicht reich, nicht gesund und nicht bekannt sind, und die meistens von der Gesellschaft vergessen werden. Deswegen bin ich froh, dass sich die Sportbewegung nach dem Tsunami, der Weihnachten vor zwei Jahren große Schäden anrichtete, sehr großzügig gezeigt hat. Außerdem half man in Darfur, mit Geld, mit Nahrungsmittellieferungen, aber auch mit Sportausrüstung. Denn Sportausrüstung stellen, Trainer schicken und sportliche Ereignisse in den Flüchtlingslagern organisieren, ist wirklich etwas Fantastisches. Wir haben auch die Opfer des Erdbebens in Pakistan unterstützt und die Opfer des Hurricanes in der Karibik. Wir engagieren uns eigentlich laufend, denn solche Katastrophen geschehen ja andauernd, und wir führen die Hilfen in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und dem Roten Kreuz durch.
Eine Sache, auf die ich sehr stolz bin, sind die Bemühungen, die wir in den Flüchtlingslagern unternehmen. Die Flüchtlingslager sind ja voller Menschen, die ohne jede Hoffnung sind, die keine Zukunft mehr haben, die keine Träume mehr haben. Und Sie glauben nicht, was Sport diesen Menschen geben kann! Die Tatsache, dass die Menschen sich plötzlich als Teil eines Teams sehen, dass hier so etwas Wunderbares wie Sport betrieben werden kann, das ist etwas, das mich immer wieder im tiefsten Inneren berührt, wenn ich vor Ort bin.
In medizinischer Hinsicht bemühen wir uns auch, zum Beispiel im Bereich der AIDS- Prävention. AIDS ist nicht nur ein großes Problem in Afrika, sondern auch in Südostasien und wird auch in Osteuropa immer mehr zum Problem. Wir nutzen vor allem das Prestige, das Ansehen von Sportidolen, um die Botschaft zu den Menschen zu bringen. Damit sie den jungen Leuten sagen, dass man vorsichtig sein und die entsprechenden Maßnahmen ergreifen muss. Dieses Programm, das wir wiederum zusammen mit der UNO durchführen, ist auch sehr erfolgreich.
Gerade wenn es um soziale Verantwortung geht: wir bemühen uns um die Wiedereingliederung der Sportler nach ihrer sportlichen Karriere. Normalerweise werden Talente im Alter von 13, 14 Jahren entdeckt. Wir geben ihnen die besten Trainer und wir sagen: Ihr müsst sehr hart arbeiten, um etwas zu erreichen. Wir schicken sie in Trainingslager und zu Wettkämpfen – auch ins Ausland. Das alles geschieht leider häufig auf Kosten der Schulausbildung. Wenn die Sportler dann 35, 40 Jahre alt sind und ihre sportliche Karriere beenden, kann man ihnen nicht nur die Hand schütteln und sagen: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine tolle Karriere hingelegt und jetzt machen Sie's gut. Nein, wir haben die Verantwortung ihnen zu helfen, sich wieder in das normale, gesellschaftliche Leben, ins Berufsleben einzugliedern. Das ist nicht einfach. Wir helfen zum Beispiel, indem wir ihnen eine Ausbildung anbieten und entsprechende Berufsmöglichkeiten für sie finden. Auch dieses Programm ist sehr erfolgreich in vielen Nationalen Olympischen Komitees. Solche Bemühungen gibt es mittlerweile weltweit.
Wir haben auch eine soziale Verantwortung für unsere Umwelt und einen nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt. Es wird ja immer sehr viel gebaut im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, aber das IOC hat hier strenge Regeln. Wir wollen nämlich, dass die Gebäude, die für die Spiele errichtet werden, dann auch langfristig, nachhaltig genutzt werden können. Es ist leicht ein Stadion mit 125 000 Plätzen zu bauen, während der Olympischen Spiele kann man es immer schnell füllen, aber was macht man hinterher? Deswegen versuchen wir die Größe dieser Bauten dem Bedarf der Stadt anzupassen, damit die Sportstätten auch hinterher genutzt werden können. Denken Sie an Sydney, Athen und Barcelona, da sind wir sehr stolz auf das Erbe, das wir hinterlassen haben und darauf, dass es jetzt von der Bevölkerung vor Ort genutzt werden kann.
Werte im Sport
Meine Damen und Herren, ich habe hier über die Bedrohungen für den Sport, über Ungerechtigkeiten im Sport und über soziale Verantwortung von Sportlern und gegenüber Sportlern gesprochen. Ich möchte zum Schluss noch etwas zu den Werten sagen. Werte sind per definitionem unfassbar. Werte sind schwer zu quantifizieren und zu beschreiben. Werte sind immateriell, ich würde sagen, sie sind fast etwas Spirituelles. Und deswegen ist es auch sehr schwierig Werte zu verteidigen. Es ist vergleichsweise einfach Spiele auszurichten oder Finanzmittel zu verwalten, man braucht nur etwas Management-Geschick. Werte zu verteidigen ist wesentlich schwieriger und erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit.
Einer dieser Werte ist zum Beispiel das Prinzip des Fairplay. Fairplay ist wesentlich mehr als nur die Einhaltung der Regeln. Es ist klar, die Regeln müssen eingehalten werden. Und es liegt auf der Hand: wenn sie gebrochen werden, kann man etwas dagegen tun. Fairplay ist schwer zu definieren. Für mich bedeutet Fairplay, dass man großzügig ist, dass man eine großzügige Geste zeigt, ohne dazu gezwungen zu werden. Das ist sehr wichtig im Sport.
Wir müssen uns außerdem für eine starke Verbindung zwischen Kultur und Sport einsetzen. Das ist beispielsweise durch das schöne Olympische Museum in Lausanne verkörpert, das eine Idee meines Vorgängers Juan Antonio Samaranch war. Es gibt weltweit inzwischen ein ganzes Netzwerk solcher olympischen Museen. Wir haben in diesem Zusammenhang schon viele kulturelle Programme realisiert, auf die wir sehr stolz sind und über die wir uns sehr freuen.
Wichtig ist auch der Kampf, den wir für Respekt und Toleranz führen. Wenn ich hier in Deutschland spreche, denke ich, kann ich kein besseres Beispiel anführen: Erinnern Sie sich an die wunderbaren Bilder in Leni Riefenstahls Film über die Olympiade von 1936 – die Hauptkonkurrenten waren ja Lutz Long und Jesse Owens – die haben sich damals verbrüdert in einer Zeit, in der das nicht selbstverständlich war. Und das ist das Schöne an den olympischen Dörfern, wo Sportler aus verschiedenen Kulturkreisen, Sportler unterschiedlicher ethnischer Herkunft, unterschiedlicher Religion, unterschiedlicher Sprache in Harmonie, als Freunde zusammenleben. Und glauben Sie mir: Für die, die das Privileg hatten einmal in einem olympischen Dorf zu leben – ich hatte ja auch das Glück – das ist etwas, das man nie vergisst. Und es setzt sich fort nach den Spielen, da die Sportler miteinander in Kontakt bleiben.
Wir setzen uns auch entschieden für die Olympische Waffenruhe ein. Diese ist ja von den Griechen 773 v. Chr. erfunden worden. Alle vier Jahre, während der Olympischen Spiele, wurden die Waffen niedergelegt und die Sportler konnten ungehindert zum Austragungsort reisen, obwohl ihre Heimatstädte normalerweise im Krieg miteinander lagen. Das war von 773 v. Chr. bis 394 n. Chr., also länger als 1000 Jahre, das übliche Prozedere. Es ist dann vom Internationalen Olympischen Komitee wieder aufgenommen worden. Wir werden darin auch von der UN unterstützt. Wir sind natürlich keine Traumtänzer. Wir wissen, dass die Sportbewegung nie den Weltfrieden herbeiführen wird. Die Sportbewegung ist auch nicht in der Lage den Frieden zu erzwingen. Aber es ist unsere Pflicht, wenigstens für eine Aussetzung der Konflikte während der Olympischen Spiele einzutreten und den Frieden auch immer wieder einzufordern.
Meine Damen und Herren, ich blicke mit Optimismus in die Zukunft des Sports. Wir können eine materielle Erfolgsgeschichte vorweisen, wir sind gute Sportorganisatoren, wir erhalten sehr viel Aufmerksamkeit, wir verzeichnen hohe Teilnehmerzahlen und wir verteilen die Einnahmen sinnvoll – an diejenigen, die sie brauchen. Aber am Schwierigsten ist es, für unsere Werte zu kämpfen. Nur indem wir uns für unsere Werte einsetzen, werden wir unserer wichtigen Rolle in der Gesellschaft und bei der Erziehung junger Menschen gerecht.
Ich glaube, dass Sport weiterhin eine wichtige Rolle in der Erziehung einnehmen wird. Denn Sport bedeutet ja nicht nur ein Stärken des Körpers, sondern auch des Geistes. Im Sport lernen Kinder soziale Kompetenz. Gesellschaftliche Werte werden weitergegeben. Sie lernen, dass man im Team viel mehr erreichen kann als allein. Durch den Sport werden Minderheiten in die Gesellschaft integriert. Junge Menschen lernen im Sport Respekt vor der Autorität: zunächst gegenüber dem Schiedsrichter, dann auch gegenüber der Gesellschaft. Sport ist gesundheitsfördernd. Sport formt die Persönlichkeit. Sport lehrt auch zu verlieren; das ist gerade für das spätere Leben sehr wichtig. Sport lehrt Respekt vor anderen. Schließlich bringt der Sport auch Träume, Hoffnung und Inspiration mit sich. Sport und die Olympischen Spiele gehören ja nicht dem IOC, der FIFA oder anderen Gremien, sondern der ganzen Menschheit. Es ist unsere Aufgabe als Führungspersönlichkeiten im Sport, dieses Feuer, diesen Traum und diese erzieherische Botschaft am Leben zu erhalten und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Abschrift und Redaktion der Simultanübersetzung: Anette Stuber-Rousselle, M.A. und Julia Willke, M.A., Stiftung Weltethos Tübingen)

