Göttinger Friedenspreis 2002
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Laudatio
Margot Käßmann, Landesbischöfin
Sehr geehrter Herr Professor Küng,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
als evangelische Bischöfin eine Laudatio auf Hans Küng halten? Kann ich das wagen oder wird das vielleicht von einigen als Affront verstanden? Bin ich als jüngere dazu in der Lage oder sind da nicht echte Weggenossen geeigneter? Ich habe mich über die Anfrage gefreut und spontan ja gesagt. Und zwar nicht aus Langeweile, sondern aus Respekt einer Christin gegenüber der Leistung, der Beharrlichkeit und dem Mut eines anderen Christen.
1977 kam ich 19-jährig nach Tübingen. Eigentlich nicht der ideale Ort, mit dem Theologie-Studium zu beginnen, aber das wusste ich nicht, ich hatte weder von Theologie noch vom Studieren eine Ahnung. Und das waren bewegte Zeiten in Tübingen. Im Juni war die Tochter von Ernst Käsemann in Argentinien ermordet worden – die Gerechtigkeitsdebatte, Militärdiktaturen in Südamerika, Rüstungsexporte, das stand auf der Tagesordnung von ESG, KHG und anderen. Nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhof, nach Schleyerentführung und Mogadischu nahmen sich in jenem Herbst Gudrun Ensslin, Andreas Bader und Jan-Karl Raspe in Stammheim das Leben. Die Leichen kamen in die Pathologie, nur einen Steinwurf vom Theologicum entfernt – unser Land, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, das wurde diskutiert. Aus kleinstädtischem und kleinbürgerlichem Milieu stammend, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Bewegte Zeiten, in denen Jürgen Moltmann »Theologie nach Auschwitz« las und Eberhard Jüngel »Schöpfungstheologie«. Und dann bekam ich einen »heißen Tipp«: du musst mal bei den Katholiken hören, da ist einer, der rebelliert gegen den Papst!«. Das hörte sich doch spannend an, und so habe ich im Sommersemester ’78 dann bei Hans Küng in der Vorlesung gesessen über »Das apostolische Glaubensbekenntnis.« Ich gestehe, dass ich mich nicht exakt an den Inhalt erinnere und trotz allen Stöberns meine Mitschriften nicht mehr gefunden habe.
Aber an diese Stimme mit dem melodischen Schweizer Akzent und an die Klarheit der Aussagen erinnere ich mich gut. Es war möglich zu verstehen, mitzudenken – und das ging mir in diesen ersten Semestern gewiss nicht immer so!
Sehr geehrter Herr Professor Küng, als »kleine Studentin« konnte ich aus der Ferne verfolgen, was Sie als die vier schlimmsten Monate Ihres Lebens bezeichnet haben (vom 18. Dezember 1979 bis zum 10. April 1980), die Sie, wie Sie sagen, auch Ihrem erbittertsten Gegner nicht wünschen würden. Bei der Pressekonferenz am 10. April gemeinsam mit Universitätspräsident Adolf Theis und Walter Jens führten Sie aus: »Ungeachtet der inneruniversitären Lösung also bleiben die grundsätzlichen
Fragen bestehen, und die Auseinandersetzungen werden nicht aufhören: Es bleibt die von Rom und den Bischöfen nach wie vor unbeantwortete Frage nach ihrer Unfehlbarkeit. Es bleibt die Frage nach einer heute glaubwürdigen christlichen Verkündigung in Kirche und Schule. Es bleibt die Frage nach der Verständigung zwischen den Konfessionen und nach der gegenseitigen Anerkennung der Ämter und Abendmahlsfeiern. Es bleibt die Frage nach den drängenden Reformaufgaben:
von der Geburtenregelung über Mischehen und Ehescheidung bis hin zur Frauenordination, Zwangszölibat und dem daraus folgenden katastrophalen Priestermangel.« Besonders die Frage nach der Frauenordination hat mir verständlicherweise eingeleuchtet.
Aber heute als Bischöfin einer lutherischen Kirche steht es mir nicht zu, Kritik an den Überzeugungen und Strukturen einer anderen Kirche zu üben. Und die Frage nach der glaubwürdigen Verkündigung heute beschäftigt zudem gewiss auch unsere evangelischen Kirchen in Deutschland vehement!
Solche Kritik muss von innen kommen und deshalb ist es gut, dass Sie trotz aller Verletzungen in Ihrer Kirche geblieben sind. Sie haben die Gabe, zu formulieren und auf den Punkt zu bringen, was viele römische Katholikinnen und Katholiken umtreibt. Ja, die Fragen bleiben bis ins Jahr 2002. Und die Hoffnung auf Veränderung auch mit Blick auf Abendmahlsgemeinschaft, sie scheint mir manchmal zu verdorren, weil sie so wenig getränkt werden – aber auch ich will sie keinesfalls aufgeben.
Lieber Herr Küng, Sie haben offen zu Ihrer Überzeugung gestanden und, das darf ich als Lutheranerin hier vielleicht sagen, mich doch auch an Luther in Worms erinnert: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« Gewiss habe ich damals auch Stimmen gehört, die sagten: »Wenn er sich so mit der katholischen Kirche anlegt, muss er mit diesen Konsequenzen eben rechnen!« Aber das haben Sie ja mit Luther bei allen Unterschieden ja gemein: auch er wollte keine neue Kirche gründen, sondern seine eigene, die römisch-katholische Kirche reformieren. Ihre Erfahrung war: Unerschütterliche Standfestigkeit im eigenen Glauben und unbeschränkte Dialogfähigkeit gegenüber Menschen anderen Glaubens sind komplementäre Tugenden.
